KAPITEL 1: Der Regen, der kälter war als Wasser
„Wenn du so unbedingt nach Hause willst, Mama, nimm den Bus. Ich ruiniere dir doch nicht meine Plätze.“
Das waren die Worte, die meine eigene Tochter Jessica mir an einem kalten, regnerischen Nachmittag vor der Fairview Community Clinic an den Kopf warf. Ich stehe am Straßenrand, meine Schuhe waren voller Schlamm, meine Kleidung klatschnass, und ein stechender Schmerz durchfuhr meinen unteren Rücken.
Mein Name ist Martha Higgins. Ich bin 68 Jahre alt und habe fast mein ganzes Leben als Näherin gearbeitet. Über 40 Jahre lang beugte ich mich über eine alte Singer-Nähmaschine und flickte Hosen, nähte Uniformen, fertigte Ballkleider an, säumte Gardinen und nahm jeden kleinen Auftrag an, den ich finden konnte. Manche zahlen spät. Manche zahlen mit Münzen. Aber ich habe trotzdem gearbeitet, denn so konnte ich überleben und meine Tochter großziehen.
An jenem Donnerstagmorgen war der Himmel über Springfield bereits dunkel. Ich war in die Klinik gegangen, um meine Blutdruckmedikamente aufzufüllen. Der Wetterbericht hatte Bewölkung vorhergesagt, deshalb hatte ich meinen Regenschirm zu Hause gelassen. Doch kaum hatte ich die Klinik verlassen, schüttete es wie aus Eimern.
Die Bushaltestelle war nicht überdacht, nur ein verrosteter Pfosten neben einer tiefen Pfütze. Mir lief das Wasser den Nacken hinunter. Mein Pullover war schwer und kalt auf meiner Haut. Ich hielt meine Handtasche fest umklammert, um meine Papiere und Medikamente trocken zu halten.
Dann sah ich das Auto.
Eine brandneue, anthrazitgraue Limousine rollte zum Bordstein und glänzte selbst im Sturm. Ich kann dieses Auto besser als jeder andere. Ich hatte den Kreditvertrag dafür unterschrieben. Ich hatte meinen Namen in die Zulassung eintragen lassen. Jessica hatte mich drei Monate zuvor darum gebeten, weil sie in ihrem neuen Job in der Firma unbedingt erfolgreich wirken musste.
„Mama, fährt dort doch jeder ein schönes Auto“, hatte sie gefleht. „Ich verspreche, ich werde die Raten bezahlen.“
Aber der Kredit lief auf meinen Namen. Die Kennzeichen liefen auf meinen Namen. Und mehr als einmal stammen die Zahlungen von meiner kleinen Rente und dem Geld, das ich mir durch nächtliches Nähen verdiente.
Erleichtert hob ich die Hand. Jessica fuhr. Ihre Freundin Brittany saß neben ihr, wie immer elegant und selbstzufrieden. Der Wagen bremste gerade so weit ab, dass sich unsere Blicke durch die regennasse Windschutzscheibe trafen. Ich sah, wie Jessica mich erkannte.
Dann bemerkte ich Irritation.
Brittany drehte sich zu mir um und lachte.
Eine Sekunde später raste der Wagen vorbei. Schmutziges Wasser spritzte auf meinen Rock und meine Strümpfe. Ich stehe da, die Hand noch erhoben, zu benommen, um sie zu senken. Der Regen fühlte sich kalt an, doch der Scham brannte heißer.
Mit tauben Fingern zog ich mein Handy heraus und rief sie an.
„Mama, hör auf, mich anzurufen. Ich stecke im schlimmsten Stau“, antwortete Jessica.
„Jessica, du bist gerade an mir vorbeigegangen. Ich bin klatschnass, Liebes. Bitte komm zurück.“
Einen Moment lang sagte sie nichts. Dann hörte ich Brittany im Hintergrund kichern.
„Oh, Mama, ich hab dich gesehen“, sagte Jessica. „Aber da ist kein Platz. Brittany hat Einkaufstüten auf dem Rücksitz. Und wenn du ganz nass einsteigst, ruinierst du meine Kleidung und das Leder. Nimm einfach den Bus. Du bist ja bald wieder zu Hause. Mach dir einen Tee, wenn du da bist.“
Dann legte sie auf.
Ich starrte auf den dunklen Bildschirm, während mir der Regen ins Gesicht prasselte. Ich hatte auf eine neue Brille verzichtet, um ihr bei dem Auto zu helfen. Ich hatte trotz Rückenschmerzen gearbeitet, um die Raten zu bezahlen, die sie angeblich nicht aufbringen konnte. Ich hatte immer weiter gegeben, und sie hatte mich im Regen stehen lassen, nur um die Einkaufstüten zu schützen.
Die Busfahrt dauerte fast eine Stunde. Der Bus war überfüllt und feucht, und niemand bot mir einen Sitzplatz an. Als ich endlich zu Hause ankam, schmerzte mir jeder Knochen im Leib.
Die graue Limousine steht sicher unter dem Garagendach, trocken und in perfektem Zustand.
Ich betrat das Haus leise durch die Hintertür. Bevor ich die Küche erreichte, hörte ich Stimmen aus dem Wohnzimmer.
„Du hättest sie sehen sollen“, lachte Jessica. „Da stand sie, klatschnass in diesem schrecklichen alten Pullover. Stell dir vor, sie wäre in mein Auto gestiegen. Die Polsterung wäre ruiniert gewesen.“
„Oh nein, wie schrecklich für dich“, sagte Brittany und lachte ebenfalls.
„Sie ist es gewohnt“, antwortete Jessica. „Sie kommt nach Hause, duscht und kocht trotzdem noch Abendessen. Ich habe ihr schon gesagt, dass ich Hühnchen-Tostadas mit dieser scharfen Soße möchte.“
Etwas in mir erstarrte.
Ich habe nicht geschrien. Ich bin nicht ins Zimmer gestürmt. Die alte Martha hätte vielleicht still geweint und trotzdem für sie gekocht. Aber die Frau, die an der Bushaltestelle ausgesetzt worden war, kam nicht mit mir nach Hause.
Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür ab und zog mir trockene Kleidung an. Dann öffnete ich die Holzschublade, in der ich meine wichtigen Papiere aufbewahre.
Da war es.
Die Fahrzeugregistrierung.
Eigentümerin: Martha Higgins.
Ich fuhr mit dem Daumen über meinen gedruckten Namen. Das Auto, mit dem Jessica so geprahlt hatte, gehörte mir. Die Schulden gehörten mir auch. Und in diesem Moment begriff ich etwas Schmerzliches und zugleich Klares.
Meine Tochter hatte mich nicht einfach nur respektlos behandelt.
Sie hatte beschlossen, dass ich keine Rolle mehr spielte.
Ich steckte das Dokument in meine Bademanteltasche und lauschte ihrem Lachen aus dem Wohnzimmer. Zum ersten Mal klang es, als gehöre es zu einem Haus, dem ich nicht länger dienen wollte.
